Haus des Monats

Convento dos Capuchos

September — 2026
dieses MalAndreas Kretzer
OrtSintra, Portugal
Architekt*innenunbekannt (Frei Pedro de Antória ?), Gründer: Alvaro de Castro
Bauzeit1560
FotografieAndreas Kretzer
Gut versteckt vor den internationalen Touristinnenhorden, die tagtäglich im portugiesischen Bergdorf Sintra einfallen, liegt der 1560 erbaute Convento dos Capuchos (ursprünglich Konvent von Santa Cruz).
Er verbirgt sich im dichten Wald einer UNESCO-Kulturlandschaft, die Lord Byron einst als den ‚entzückendsten Ort Europas‘ bezeichnete. Im Kontrast zu den prunkvollen Palästen der Region präsentiert sich das ehemalige Franziskanerkloster als zeitloses Meisterwerk der Reduktion.

Die Geometrie des Gebäudeensembles entzieht sich einer eindeutigen Beschreibung. Alison und Peter Smithson bezeichneten solche Strukturen als Konglomerate die wie natürlich gewachsene Organismen oder Gewebe wirken. Die flache, gedrungene Baumasse scheint sich an die Topografie anzuschmiegen. Es gibt keine klar definierte Vorder- oder Rückseite: Fassaden und Dächer bilden gleichwertige Flächen die direkt mit ihrer Umgebung interagieren. Unregelmäßige Wände folgen dem Gelände und antworten auf die Notwendigkeiten der Innenräume.

Die Architektursprache ist bescheiden, volkstümlich – vernakulär. Die Materialwahl erscheint pragmatisch und ist doch zutiefst symbolisch: Sie erinnert an die kontemplativen Felsenhöhlen früher Eremiten in der Wildnis. Um den Bedingungen des feuchten Mikroklimas im Wald zu trotzen, wurden die Räume und Türen mit Rohkork verkleidet, der hier als effektive natürliche Wärmedämmung sowie einziger Komfort fungiert und bis heute die haptische Erfahrung vor Ort prägt.

Armutsideal und Askese der Ordensbrüder wurden unmittelbar in Raum übersetzt: Korridore sind so schmal und Zugänge zu den Mönchszellen sind so niedrig, dass man sie nur gebückt passieren kann – eine architektonische Geste, die den Körper zur Demut zwingt. Die plastischen Korkoberflächen wirken als dekoratives Minimum. Auch das Mobiliar zeugt von dieser Strenge: Im Refektorium speisten die Mönche auf dem Boden sitzend an einer einfachen Steinplatte.

Im Convento dos Capuchos benötigt Architektur keine Monumentalität oder dekorative Opulenz, um eine starke räumliche Präsenz zu entfalten. Innen wie außen aktivieren die spürbare Materialdichte, Lichtschächte, Patina und raue Texturen alle Sinne. König Philipp I. von Portugal brachte diese Qualität nach einem Besuch im Jahr 1581 auf den Punkt: Von all seinen Reichen schätze er zwei Orte am meisten – den Escorial für seinen Reichtum und das Kloster Santa Cruz für seine extreme Bescheidenheit.

In einer Zeit, in der die Integration in die Landschaft sowie die Verwendung natürlicher und lokal verfügbarer Baumaterialien zentrale architektonische Themen sind, bleibt dieses kleine Kloster im Wald von Sintra ein historisches Vorbild.

Andreas Kretzer

Mit zumeist messerscharfen Blick und Verstand versteht es Andreas immer wieder Dinge sehr gut auf den Punkt zu bringen.
Seine Begeisterung für Architektur, Szenographie und Gestaltung gibt er an seine Studierenden an der HFT Stuttgart weiter, motiviert diese zu (harter) Entwurfsarbeit und schafft es viele für das Berufsfeld der Architektur zu begeistern.
Trotz dieser Professionalität kommt der Humor bei ihm nie zu kurz. Das schätze ich besonders an ihm!
—Siniša „Drago“ Inić

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